Erd-Station 3

Mondhorn

Ein rätselhaftes Objekt aus dem 10./9. Jahrhundert vor Christus

1984 entdeckte man vor dem Haus Kartausgasse 7 Fragmente eines reich verzierten, tonerdigen Mondhorns. Das ursprüngliche Mondhorn hatte eine Länge von 30 bis 35 cm. Leider sind nur acht Bruchstücke des Mittelkörpers erhalten geblieben. Das Basler Mondhorn ist eines der über 1000 Mondhörner der Schweiz. Es ist besonders reich verziert, und der gebrannte Ton stammt aus dem lokalen Boden.

Welche Funktion könnte das Mondhorn gehabt haben, und wie könnte es mit der Topografie des Theodorskirchplatzes und des Münsterhügels zusammenhängen? In Basel ist es inzwischen ein offenes Geheimnis, dass das Münster in seiner Längsachse zum Sonnenaufgang am 21. Juni orientiert ist. Jeweils an Mittsommer geht die Sonne im Nordosten über der Kleinbasler Theodorskirche auf und trifft mit den ersten Sonnenstrahlen den Münster-Felshügel. Wer aber den Punkt des Sonnenaufgangs am 21. Juni am Horizont kennt, kann astronomisch betrachtet auch die sogenannte Mondwende daran ableiten. Es ist nun ein interessanter Zufall, dass vom Münsterhügel aus die Sichtlinie der grossen Mondwende mit 45° NO zum Mondaufgang am Horizont über die Kartausgasse führt, dort, wo in etwa das Basler Mondhorn entdeckt worden ist.

Kurt Derungs beschreibt im Beitrag die Perspektive der Landschaftsmythologie (Anthropologie der Landschaft): Was für „Geschichten“ haben sich aus der spezifischen Topologie von Basel/Klein­basel/Wettsteinquartier entwickelt und wie haben sie sich kulturell verankert?

Topologie Wasser/Erde

Aus der Sicht der Anthropologie der Landschaft wurde die besondere Topographie von Basel/Kleinbasel gewählt. Diese besteht linksrheinisch aus der Altstadt Grossbasel mit dem ausgesuchten geografischen Brennpunkt Münsterhügel, sowie rechtsrheinisch aus der Altstadt Kleinbasel mit dem Fundgebiet Theodorskirchplatz. Auf dem Münsterhügel steht dabei das Basler Münster sowohl ortsbezogen als auch orientierungsmässig auf einem aussergewöhnlichen Platz. Von diesem ist nämlich zu erkennen, wie der Rhein mit seinem Wasser und seiner Kraft von Osten her auf den Felsen des Münsterhügels trifft. Ausserdem wird von hier an der Fluss sehr stark umgelenkt, d.h. der Rhein dreht sich um 90° und fliesst nun nach Norden ab. Diesen Drehpunkt bezeichnet der Münsterhügel, wo die Energie des Flusses und die Mächtigkeit des Felsens aufeinander treffen. Dabei begegnen sich in besonderer Weise die Elemente Wasser und Erde und bilden in der Landschaft einen natürlichen „Hotspot“, der historisch betrachtet auch eine wichtige kulturelle Bedeutung hat.[1]

Die Energie des Flusses wurde aber in der Frühgeschichte nicht mit technisch-modernen bzw. mit abstrakten Begriffen wie „Wasserkraft“ bezeichnet, sondern der Fluss, das Wasser und seine fliessende Lebenskraft wurden personifiziert. Bei diesem animistischen Vorgang, der in der anthropologischen Kulturgeschichte wohl bekannt ist, wird der Fluss als ein Wesen betrachtet. Dieses kann von der Gestalt her menschlich, halb Mensch und halb Tier oder gänzlich ein Tierwesen sein. Interessanterweise finden wir ein solches Wesen auf dem Münsterhügel dargestellt. Es handelt sich dabei um eine Drachen-Darstellung am Boden vor dem Chor des Basler Münsters. Zu sehen ist ein geflügelter Drache mit rötlichem Kopf, der in einem Doppelkreis „gebannt“ ist. Aus landschaftsmythologischer Sicht handelt es sich um die tierbezogene Verbildlichung des Rheinflusses, der beim Münster-Felshügel seinen Wendepunkt findet. Oder noch spezifischer ist es die Energie des Lebenswassers, die hier bildlich zum Ausdruck kommt. In diesem Sinn bezeichnet das Drachen-Medaillon, wie es auch genannt wird, topographisch ziemlich genau den „Hotspot“ in der Landschaft Basel – bzw. auf dem Münsterhügel den Brennpunkt, wo die Elemente Wasser/Erde und ihre Kräfte besonders aufeinander treffen.

Nicht zu übersehen ist überdies, dass dieser Brennpunkt und mit ihm der Raum Basel auch eine Makro-Ebene der Landschaft besitzt. So fliesst der Rhein von Osten her in das Zentrum beim Münsterhügel, wo der Fluss „gewendet“ wird und dann nach Norden abfliesst. In der Kulturanthropologie ist dabei Osten vielfach als Ort des Lichts (Sonnenaufgang) und des neuen Lebens konnotiert, während Norden als Jenseitsort und Stätte des Todes gilt. Der Münster-Felshügel kennzeichnet in diesem traditionellen Weltbild der Landschaft die topographische Mitte bzw. die Mittelwelt. Dementsprechend können wir auf der landschaftlichen Makro-Ebene einen Kreislauf der Lebenskräfte beobachten: Von Osten kommt das Leben, dessen Naturkräfte in ein Zentrum fliessen und dort ihren Wendepunkt erfahren. Schliesslich gelangt der Strom des Lebens zum nördlichen Jenseitsort – dem Übergang vom Tod zum Leben –, um bald im Osten erneut wiederzukehren. In der Kulturgeschichte sind solche landschaftlichen und mythologischen Kreisläufe keine Seltenheit. In Basel dürfte der Lebenskreis auch mit dem Drachen-Sinnbild verdeutlicht worden sein.

Topologie Mondhorn

In Basel entdeckte man 1984 auf der rechten Seite des Rheins vor dem Haus Kartausgasse 7 Fragmente eines reich verzierten, tonerdigen Mondhorns. Die spätbronzezeitliche Fundstätte liegt unweit des Theodorskirchplatzes (Kleinbasel) und datiert ins 10./9. Jahrhundert BC. Das ursprüngliche Mondhorn hatte eine Länge von 30-35 cm und dürfte nur wenige Meter zur Kartausgasse hin verlagert worden sein. Es sind leider nur acht Bruchstücke des Mittelkörpers erhalten.

Die Verzierungsarten des Basler Mondhornes sind recht vielfältig. So befindet sich auf dem Nacken, der leicht gekehlt ist, eine geritzte Zickzacklinie. Vom Nacken zur Rückseite hin erkennt man eine Abschrägung, worauf ebenfalls ein Zickzackmuster angebracht wurde. Auch zur Vorderseite hin gibt es eine solche Abschrägung, die mit einer Reihe von Fingertupfen verziert ist. Gerade unterhalb der Punktreihe verlaufen zwei Riefen sowie eine weitere Zickzacklinie. Unterhalb dieses Zickzackmusters durchziehen zwei Riefen den Tonkörper, gefolgt von einer plastischen Leiste mit alternierenden Kerben. Zwischen der Leiste und der (fehlenden) Standfläche findet sich ein geschweiftes Riefenbündel aus drei oder vier Riefen, das seitwärts mit zwei Riefen an die Leiste anschliesst.

Mondhorn von Basel-Kartausgasse unweit des Theodorskirchplatzes.

Das Basler Mondhorn ist eines der über 1000 Mondhörner der Schweiz. Es ist besonders reich verziert, und der gebrannte Ton stammt aus dem lokalen Boden. Für das Projekt „Erde tauschen“ haben wir mit diesem Fund nebst dem Münster-Felshügel ein weiteres Element Erde vorliegen. Von spezieller Bedeutung ist auch der Fundort des Mondhornes. Allgemein und auch für das Projekt selbst stellt sich nämlich die Frage, wie die Fundstätte mit dem Theodorskirchplatz zusammen spielt, und ob dieses Gebiet einen Bezug zum beschriebenen Münsterhügel besitzt.

Topologie Sonne/Mond

In Basel ist es inzwischen ein offenes Geheimnis, dass das Münster in seiner Längsachse zum Sonnenaufgang am 21. Juni orientiert ist. Jeweils an Mittsommer geht die Sonne im Nordosten über der Kleinbasler Theodorskirche auf und trifft mit den ersten Sonnenstrahlen den Münster-Felshügel. Durch ein Fenster gelangen dann die Strahlen in die Krypta des Bauwerkes und erhellen glanzvoll den gesamten Raum. Dieses astronomische Phänomen erleben immer mehr Menschen, und das morgendliche Ereignis wird folgendermassen beschrieben:

„Sonnenaufgang in der Münsterkrypta – Immer mehr Menschen finden sich Jahr für Jahr zum Sonnenaufgang an einem Morgen um den 21. Juni auf der Pfalz, der Aussichtsterrasse beim Basler Münster, ein. Falls das Wetter klar ist, kann man hier zur Sommersonnenwende ein eindrückliches Schauspiel erleben, das später mit einer kleinen Andacht zum Johannistag in der Münsterkrypta gefeiert wird. Kurz nach halb sechs Uhr schiebt sich die hellrote Kugel über die Hügelkette der Hohen Möhr im Schwarzwald. In einer Linie über die St. Martinskirche in Riehen und die St. Theodorskirche in Kleinbasel hinweg trifft ihr erster Lichtstrahl die Kastanienbäume auf der Pfalz und fällt, gebrochen vom Blätterwerk, durch das zentrale Chorfenster ins Münster ein. Er scheint in die Krypta, die ursprüngliche Grablege der Basler Bischöfe, und wirft einen hellen Lichtfleck an die gegenüberliegende Wand – ein beeindruckendes Phänomen, dem freilich kein Zufall zugrunde liegt, wurden doch Kirchen und Kapellen oft an prähistorischen oder antiken Stätten angelegt und orientierten sich nach dem Sonnenaufgang an einem der kalendarischen Richttage. Das Basler Münster ist an der Stelle des ehemaligen keltischen Oppidums erbaut worden.“ (https://www.outdooractive.com/de/poi/basel-und-umgebung/muensterkrypta/25015585/)

Die astronomische Mittsommer-Linie verbindet somit den linksrheinischen Felsenhügel mit dem rechtsrheinischen Theodorskirchplatz. Zwischen diesen beiden Orten fliesst der Fluss, der in diesen zentralen Raum seine Lebenskraft einströmen lässt, und die – wie wir gesehen haben – als Drache oder Drachenschlange verkörpert wird. Die topographische „Mitte der Welt“, die im Felsenhügel verdeutlich ist, geht dabei auch mit der sommerlichen „Mitte der Jahreszeit“ einher. Diese Festzeit an Mittsommer wird in Europa seit Jahrtausenden gefeiert, was an verschiedenen Steinkultstätten beobachtet werden kann.[2] Der Felsenhügel, das Flusswasser und der Theodorskirchplatz bilden dabei einen verortbaren Umkreis und eine feste, landschaftliche Einheit – sowohl geographisch als auch astronomisch.

Wie wir gesehen haben, wird diese Verbindung vor allem anhand der Sommersonnenwende gesehen. Wer aber den Punkt des Sonnenaufgangs am 21. Juni am Horizont kennt, kann astronomisch betrachtet auch die sogenannten Mondwenden davon ableiten. Je nach Breitengrad und geographischer Situation sind die Grade (Azimutwerte) dabei unterschiedlich. Es ging einst auch nicht darum, ein exaktes Planetarium zu erstellen, sondern den Menschen der Frühgeschichte genügte es, einen einigermassen brauchbaren, jahreszeitlich-agrarischen und rituellen „Kalender“ zu haben, der in der Astronomie als Horizontkalender bekannt ist. So kann für unsere Breitengrade – und somit auch vom Münsterplatz aus – der Sonnenaufgang an Mittsommer etwa bei 53°/54° Nordost am Horizont beobachtet werden. Dies entspricht wie dargestellt ungefähr der Achse Münster-Theodorskirchplatz. Durch Beobachtungen weiss man nun, dass die sogenannten Grossen und Kleinen Mondwenden je nach Lage/Topographie etwa 7-9 Grad davon abweichen. In Basel können wir mit ca. 45° Nordost für die Grosse und mit ca. 61° Nordost für die Kleine Mondwende am Horizont rechnen. Dieses Ereignis geschieht allerdings nur alle 9,3 Jahre, was natürlich eine viel längere Periode darstellt als die Sonnenwenden.

Es ist nun ein interessanter Zufall, dass vom Münsterhügel aus die Sichtlinie der Grossen Mondwende mit 45° NO zum Mondaufgang am Horizont über die Kartausgasse führt – dort, wo in etwa das Basler Mondhorn entdeckt wurde. Sollte die Fundzone „Kartausgasse“ weiterhin gesichert sein, wäre dies für das astronomische Verständnis von Basel ein spannender topographischer Zusammenhang, dem man weiter nachgehen sollte.

Oben: Sonnenaufgang vom Basler Münster Richtung Theodorskirchplatz sowie Sichtlinie der Grossen Mondwende Richtung Kartausgasse (Fundort Mondhorn).

Unten: Skizze Sonnenaufgang am 21. Juni sowie Nördliche Grosse Mondwende.

Resümee

Basel besitzt eine vielschichtige Landschaftsmythologie. Diese besteht im Wesentlichen aus dem Münster-Felsenhügel (Element Erde), aus dem Rheinfluss (Element Wasser) und der Fundzone Theodorskirchplatz-Kartausgasse mit dem Mondhorn (Element Erde). Den topographischen und mythologischen Mittelpunkt bildet dabei der Münsterhügel, wo die Lebenskraft des Rheinflusses von Osten zufliesst und dann nach Norden gewendet wird. Diese Energie wird in einer nicht-abstrakten Sprache als Drache versinnbildlicht. Der Rhein fliesst von Osten (Bereich des neuen Lebens) zu einer Wendezone (Felsenhügel als Mittelpunkt) und weiter nach Norden (Jenseitsbereich). Damit bildet er einen mythologischen Lebenskreislauf. Diese landschaftliche Verwobenheit zeigt beim Münsterhügel auch einen astronomischen Bezug. Dieser besteht einerseits aus dem bekannten Sonnenaufgang am 21. Juni in Richtung Theodorskirchplatz. Weniger untersucht ist andererseits die Grosse Mondwende-Linie, die vom Münsterplatz über die Kartausgasse führt, wo ein reich verziertes Mondhorn zum Vorschein kam. In Basel harmoniert die Wendezeit der Erde – mit dem Felsenhügel als Wendebereich des Flusses – mit der Wendezeit des Himmels, indem die Sonnenwende zur Mittsommerzeit eindrücklich beobachtet werden kann. Aber auch die Mondwenden dürften eine Rolle gespielt haben. Diese neue Sichtweise erweitert die bisherige Anthropologie der Landschaft von Basel.


[1] Vgl. dazu z.B.: „Der Münsterhügel […] ist der historisch bedeutsamste Ort der Stadt Basel, ein eigentlicher archäologischer Hotspot. Es finden sich hier Spuren von der Bronzezeit bis ins Mittelalter…“ (https://www.gmbasel.ch/informationen/historisches/der-muensterhuegel-ein-archaeologischer-hotspot)

[2] So z.B. Stonehenge: „Stonehenge könnte unter anderem dazu gedient haben, die Sommer- und Wintersonnenwende und die Frühlings- und Herbst-Tagundnachtgleiche, und damit die für eine Ackerbau betreibende Kultur wichtigen jahreszeitlichen Wendepunkte vorauszusagen.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Stonehenge)

Dr. Kurt Derungs,
Kulturanthropologe
Breitengasse 32
CH-2540 Grenchen bei Solothurn
kurt.derungs@derungs.org
Grenchen, 17. April 2021
© Text: Kurt Derungs © Bilder: Internet

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