Pressetext Erde tauschen

«Erde tauschen»

Zwei künstlerische Interventionen

Werke von zeitgenössischen Künstler*innen im Zschokke-Atelier Erd-Stationen rund um das Atelier

Ein neues Projekt belebt das verwunschene Wettsteinhäuschen. Nachdem die verbliebenen Zschokke-Skulpturen durch das Überführen in den Alltag wieder belebt worden sind, soll nun auch der Boden des vergessenen Stückchens Erde bearbeitet, belebt und erneuert werden.

Das Projekt „Erde tauschen“ setzt sich mit dem Werkstoff ‚Erde‘ auseinander und entwickelt zu diesem Thema künstlerische Interventionen.
Damit eröffnet das Projekt einen Denk- und Handlungsraum zu aktuellen Fragen nach Ressourcen und dem Umgang mit unseren Lebensgrundlagen.
Das Projekt nimmt seinen Ausgangspunkt im und um das verwunschene Wettsteinhäuschen mit dem Zschokke-Atelier.
Die Grundidee bezieht sich auf die gleichnamige Aktion des Begründers des Happening Allan Kaprow aus den 1960/70er Jahren. Darin tauscht er mit verschiedenen Leuten Erde, und mit jedem Tausch entsteht eine weitere Geschichte… An diesem Punkt setzt das Projekt an und sammelt „Erdgeschichten“ aus verschiedenen Bereichen wie Biologie, Archäologie, Soziologie,…

Es gibt insgesamt sechs „Erdgeschichten“ aus unterschiedlichen Perspektiven mit verschiedenen Kooperationspartnern wie der Stadtgärtnerei Basel, der Archäologischen Bodenforschung Basel, der Landschaftsmythologie, des Gemeinschaftsgartens Landhof und des Projekts „Sounding Soil“. Mit jedem weiteren Blickwinkel rückt eine neue Frage in den Vordergrund wie etwa „Wie entsteht Erde?“, „Woraus besteht sie?“, „Wie klingt es aus dem Boden?“ oder „Was verbirgt sich alles in ihr?“ Diese „Geschichten“ werden auf Tafeln niedergeschrieben. Diese werden während der Laufzeit der Ausstellung vom 5. bis 27. Juni 2021 an den jeweils spezifisch ausgesuchten Orten im Wettsteinquartier öffentlich zugänglich sein. In einem Faltplan sollen alle Orte verzeichnet und damit erkundet werden können.

Als zweite Intervention erschaffen Kunstschaffende aus der Region – Nadine Cueni, Matthias Frey, Katharina Kemmerling, Max Leiss und Maude Léonard-Contant – aus Erde und Ton vom Wettsteinhäuschen eigene Objekte. Die aus diesem Rohmaterial entstandenen Objekte werden zeitgleich vom 5. bis 27. Juni 2021 im Zschokke-Atelier ausgestellt.

Mit diesen beiden Interventionen werden unterschiedliche Zugänge zum Thema Erde erprobt, praktiziert und öffentlich zugänglich gemacht. Damit sollen überraschende Einblicke und Einsichten in unsere tragende Schicht möglicht werden!

Wir wünschen viel Vergnügen und Freude – auf dass wir uns genüsslich erden können, in einer Zeit, in der physische Kontakte auf der Strecke bleibt!

Wett – Atelier für plastisches Wirken
Claragraben 38, 4058 Basel
Vernissage: Samstag, 5. Juni 2021, 18 Uhr
Laufzeit: 6. Juni bis 27. Juni 2021
Öffnungszeit: Do / Fr 17:00-20:00  und Sa / So 14:00-17:00
wett-basel.ch

Erd-Station 1

Erde

Die Erde besteht aus unzähligen Substanzen und bildet die Lebensgrundlage für alles Lebendige. Der Grund besteht aus Felsen unterschiedlichen Ursprungs.
Dieses Muttergestein wurde durch Verwitterung in kleine Teile zerlegt und aus diesen entstand vor vielen tausend Jahren Sand, später Schluff und schliesslich Ton.
Diese anorganischen Elemente wiederum bilden den mineralischen Teil der Erde. Darüber begannen einfache Lebensformen wie Algen zu wachsen und bedeckten allmählich die Erdoberfläche.
Weitere Lebewesen wie Einzeller, Bakterien, Pilze, Pflanzen und schliesslich die Tiere kamen dazu. Alle Lebewesen bilden den organischen Teil des Bodens. Diese mineralischen und organischen Elemente bilden die Grundlage der heutigen Flora und Fauna und erzeugen ein Ökosystem.

Als Lebensgrundlage wird die Erde in vielen Kulturen als Mutter Erde bezeichnet und verehrt.
Damit sie der Menschheit in ihrer Fruchtbarkeit noch lange erhalten bleibt, braucht es Respekt und Achtsamkeit und ein Gespür und Wissen um nachhaltige und zielführ-ende Handlungsstrategien.

Wir danken der Stadtgärtnerei Basel-Stadt für ihre Unterstützung.

Erd-Station 2

Erd-Station 3

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Erd-Station 5

Erde tauschen

Kunst–Intervention Erde tauschen

Erd-Station 2

Skelette vom Friedhof St. Theodor (11. Jh. bis 1833)

In und um mittelalterliche Kirchen befanden sich oft Friedhofsareale. Auch der heutige Theodorskirchplatz diente vom 11. Jahrhundert an als Bestattungsplatz. Deshalb kommen hier bei Baueingriffen in den Boden immer wieder Skelette zum Vorschein.

Als man 1984 Werkleitungen westlich der Theodorskirche erneuerte, barg die Archäologische Bodenforschung Skelette aus 25 Gräbern. Die anthropologischen Untersuchungen der sterblichen Überreste ermöglichen einen Blick in das Leben der Kleinbasler Bewohner. Nebst Grösse und Alter können z. B. Aussagen über unzureichende Ernährung und mangelnde Mundhygiene gemacht werden.

Im 19. Jahrhundert kam es im Zuge der frühen Industrialisierung zu einem starken Bevölkerungswachstum. Die bestehenden Friedhöfe waren zunehmend überbelegt, weshalb man ausserhalb der Stadtmauern neue Bestattungsareale anlegte. So diente ab 1833 der Kleinbasler Bevölkerung der damals noch auf grüner Wiese errichtete Friedhof „St. Theodor im Rosental“ (heutige Rosentalanlage) als neuer Begräbnisplatz.

Blick auf Gräber, die 1984 bei der Erneuerung der Werkleitung auf dem Theodorskirchplatz freigelegt wurden. In der Mitte befindet sich das Skelett von «Theo dem Pfeifenraucher».
Das am besten untersuchte Skelett des Friedhofs kennt man heute unter dem Namen «Theo der Pfeifenraucher». Das jahrelange Pfeifenrauchen verursachte bei dem 32 bis 42-jährigen Mann zwei kreisrunde Löcher in den Zähnen.

Erd-Station 3

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Erd-Station 1

Kunst–Intervention Erde tauschen

Erd-Station 3

Mondhorn

Ein rätselhaftes Objekt aus dem 10./9. Jahrhundert vor Christus

1984 entdeckte man vor dem Haus Kartausgasse 7 Fragmente eines reich verzierten, tonerdigen Mondhorns. Das ursprüngliche Mondhorn hatte eine Länge von 30 bis 35 cm. Leider sind nur acht Bruchstücke des Mittelkörpers erhalten geblieben. Das Basler Mondhorn ist eines der über 1000 Mondhörner der Schweiz. Es ist besonders reich verziert, und der gebrannte Ton stammt aus dem lokalen Boden.

Welche Funktion könnte das Mondhorn gehabt haben, und wie könnte es mit der Topografie des Theodorskirchplatzes und des Münsterhügels zusammenhängen? In Basel ist es inzwischen ein offenes Geheimnis, dass das Münster in seiner Längsachse zum Sonnenaufgang am 21. Juni orientiert ist. Jeweils an Mittsommer geht die Sonne im Nordosten über der Kleinbasler Theodorskirche auf und trifft mit den ersten Sonnenstrahlen den Münster-Felshügel. Wer aber den Punkt des Sonnenaufgangs am 21. Juni am Horizont kennt, kann astronomisch betrachtet auch die sogenannte Mondwende daran ableiten. Es ist nun ein interessanter Zufall, dass vom Münsterhügel aus die Sichtlinie der grossen Mondwende mit 45° NO zum Mondaufgang am Horizont über die Kartausgasse führt, dort, wo in etwa das Basler Mondhorn entdeckt worden ist.

Kurt Derungs beschreibt im Beitrag die Perspektive der Landschaftsmythologie (Anthropologie der Landschaft): Was für „Geschichten“ haben sich aus der spezifischen Topologie von Basel/Klein­basel/Wettsteinquartier entwickelt und wie haben sie sich kulturell verankert?

Topologie Wasser/Erde

Aus der Sicht der Anthropologie der Landschaft wurde die besondere Topographie von Basel/Kleinbasel gewählt. Diese besteht linksrheinisch aus der Altstadt Grossbasel mit dem ausgesuchten geografischen Brennpunkt Münsterhügel, sowie rechtsrheinisch aus der Altstadt Kleinbasel mit dem Fundgebiet Theodorskirchplatz. Auf dem Münsterhügel steht dabei das Basler Münster sowohl ortsbezogen als auch orientierungsmässig auf einem aussergewöhnlichen Platz. Von diesem ist nämlich zu erkennen, wie der Rhein mit seinem Wasser und seiner Kraft von Osten her auf den Felsen des Münsterhügels trifft. Ausserdem wird von hier an der Fluss sehr stark umgelenkt, d.h. der Rhein dreht sich um 90° und fliesst nun nach Norden ab. Diesen Drehpunkt bezeichnet der Münsterhügel, wo die Energie des Flusses und die Mächtigkeit des Felsens aufeinander treffen. Dabei begegnen sich in besonderer Weise die Elemente Wasser und Erde und bilden in der Landschaft einen natürlichen „Hotspot“, der historisch betrachtet auch eine wichtige kulturelle Bedeutung hat.[1]

Die Energie des Flusses wurde aber in der Frühgeschichte nicht mit technisch-modernen bzw. mit abstrakten Begriffen wie „Wasserkraft“ bezeichnet, sondern der Fluss, das Wasser und seine fliessende Lebenskraft wurden personifiziert. Bei diesem animistischen Vorgang, der in der anthropologischen Kulturgeschichte wohl bekannt ist, wird der Fluss als ein Wesen betrachtet. Dieses kann von der Gestalt her menschlich, halb Mensch und halb Tier oder gänzlich ein Tierwesen sein. Interessanterweise finden wir ein solches Wesen auf dem Münsterhügel dargestellt. Es handelt sich dabei um eine Drachen-Darstellung am Boden vor dem Chor des Basler Münsters. Zu sehen ist ein geflügelter Drache mit rötlichem Kopf, der in einem Doppelkreis „gebannt“ ist. Aus landschaftsmythologischer Sicht handelt es sich um die tierbezogene Verbildlichung des Rheinflusses, der beim Münster-Felshügel seinen Wendepunkt findet. Oder noch spezifischer ist es die Energie des Lebenswassers, die hier bildlich zum Ausdruck kommt. In diesem Sinn bezeichnet das Drachen-Medaillon, wie es auch genannt wird, topographisch ziemlich genau den „Hotspot“ in der Landschaft Basel – bzw. auf dem Münsterhügel den Brennpunkt, wo die Elemente Wasser/Erde und ihre Kräfte besonders aufeinander treffen.

Nicht zu übersehen ist überdies, dass dieser Brennpunkt und mit ihm der Raum Basel auch eine Makro-Ebene der Landschaft besitzt. So fliesst der Rhein von Osten her in das Zentrum beim Münsterhügel, wo der Fluss „gewendet“ wird und dann nach Norden abfliesst. In der Kulturanthropologie ist dabei Osten vielfach als Ort des Lichts (Sonnenaufgang) und des neuen Lebens konnotiert, während Norden als Jenseitsort und Stätte des Todes gilt. Der Münster-Felshügel kennzeichnet in diesem traditionellen Weltbild der Landschaft die topographische Mitte bzw. die Mittelwelt. Dementsprechend können wir auf der landschaftlichen Makro-Ebene einen Kreislauf der Lebenskräfte beobachten: Von Osten kommt das Leben, dessen Naturkräfte in ein Zentrum fliessen und dort ihren Wendepunkt erfahren. Schliesslich gelangt der Strom des Lebens zum nördlichen Jenseitsort – dem Übergang vom Tod zum Leben –, um bald im Osten erneut wiederzukehren. In der Kulturgeschichte sind solche landschaftlichen und mythologischen Kreisläufe keine Seltenheit. In Basel dürfte der Lebenskreis auch mit dem Drachen-Sinnbild verdeutlicht worden sein.

Topologie Mondhorn

In Basel entdeckte man 1984 auf der rechten Seite des Rheins vor dem Haus Kartausgasse 7 Fragmente eines reich verzierten, tonerdigen Mondhorns. Die spätbronzezeitliche Fundstätte liegt unweit des Theodorskirchplatzes (Kleinbasel) und datiert ins 10./9. Jahrhundert BC. Das ursprüngliche Mondhorn hatte eine Länge von 30-35 cm und dürfte nur wenige Meter zur Kartausgasse hin verlagert worden sein. Es sind leider nur acht Bruchstücke des Mittelkörpers erhalten.

Die Verzierungsarten des Basler Mondhornes sind recht vielfältig. So befindet sich auf dem Nacken, der leicht gekehlt ist, eine geritzte Zickzacklinie. Vom Nacken zur Rückseite hin erkennt man eine Abschrägung, worauf ebenfalls ein Zickzackmuster angebracht wurde. Auch zur Vorderseite hin gibt es eine solche Abschrägung, die mit einer Reihe von Fingertupfen verziert ist. Gerade unterhalb der Punktreihe verlaufen zwei Riefen sowie eine weitere Zickzacklinie. Unterhalb dieses Zickzackmusters durchziehen zwei Riefen den Tonkörper, gefolgt von einer plastischen Leiste mit alternierenden Kerben. Zwischen der Leiste und der (fehlenden) Standfläche findet sich ein geschweiftes Riefenbündel aus drei oder vier Riefen, das seitwärts mit zwei Riefen an die Leiste anschliesst.

Mondhorn von Basel-Kartausgasse unweit des Theodorskirchplatzes.

Das Basler Mondhorn ist eines der über 1000 Mondhörner der Schweiz. Es ist besonders reich verziert, und der gebrannte Ton stammt aus dem lokalen Boden. Für das Projekt „Erde tauschen“ haben wir mit diesem Fund nebst dem Münster-Felshügel ein weiteres Element Erde vorliegen. Von spezieller Bedeutung ist auch der Fundort des Mondhornes. Allgemein und auch für das Projekt selbst stellt sich nämlich die Frage, wie die Fundstätte mit dem Theodorskirchplatz zusammen spielt, und ob dieses Gebiet einen Bezug zum beschriebenen Münsterhügel besitzt.

Topologie Sonne/Mond

In Basel ist es inzwischen ein offenes Geheimnis, dass das Münster in seiner Längsachse zum Sonnenaufgang am 21. Juni orientiert ist. Jeweils an Mittsommer geht die Sonne im Nordosten über der Kleinbasler Theodorskirche auf und trifft mit den ersten Sonnenstrahlen den Münster-Felshügel. Durch ein Fenster gelangen dann die Strahlen in die Krypta des Bauwerkes und erhellen glanzvoll den gesamten Raum. Dieses astronomische Phänomen erleben immer mehr Menschen, und das morgendliche Ereignis wird folgendermassen beschrieben:

„Sonnenaufgang in der Münsterkrypta – Immer mehr Menschen finden sich Jahr für Jahr zum Sonnenaufgang an einem Morgen um den 21. Juni auf der Pfalz, der Aussichtsterrasse beim Basler Münster, ein. Falls das Wetter klar ist, kann man hier zur Sommersonnenwende ein eindrückliches Schauspiel erleben, das später mit einer kleinen Andacht zum Johannistag in der Münsterkrypta gefeiert wird. Kurz nach halb sechs Uhr schiebt sich die hellrote Kugel über die Hügelkette der Hohen Möhr im Schwarzwald. In einer Linie über die St. Martinskirche in Riehen und die St. Theodorskirche in Kleinbasel hinweg trifft ihr erster Lichtstrahl die Kastanienbäume auf der Pfalz und fällt, gebrochen vom Blätterwerk, durch das zentrale Chorfenster ins Münster ein. Er scheint in die Krypta, die ursprüngliche Grablege der Basler Bischöfe, und wirft einen hellen Lichtfleck an die gegenüberliegende Wand – ein beeindruckendes Phänomen, dem freilich kein Zufall zugrunde liegt, wurden doch Kirchen und Kapellen oft an prähistorischen oder antiken Stätten angelegt und orientierten sich nach dem Sonnenaufgang an einem der kalendarischen Richttage. Das Basler Münster ist an der Stelle des ehemaligen keltischen Oppidums erbaut worden.“ (https://www.outdooractive.com/de/poi/basel-und-umgebung/muensterkrypta/25015585/)

Die astronomische Mittsommer-Linie verbindet somit den linksrheinischen Felsenhügel mit dem rechtsrheinischen Theodorskirchplatz. Zwischen diesen beiden Orten fliesst der Fluss, der in diesen zentralen Raum seine Lebenskraft einströmen lässt, und die – wie wir gesehen haben – als Drache oder Drachenschlange verkörpert wird. Die topographische „Mitte der Welt“, die im Felsenhügel verdeutlich ist, geht dabei auch mit der sommerlichen „Mitte der Jahreszeit“ einher. Diese Festzeit an Mittsommer wird in Europa seit Jahrtausenden gefeiert, was an verschiedenen Steinkultstätten beobachtet werden kann.[2] Der Felsenhügel, das Flusswasser und der Theodorskirchplatz bilden dabei einen verortbaren Umkreis und eine feste, landschaftliche Einheit – sowohl geographisch als auch astronomisch.

Wie wir gesehen haben, wird diese Verbindung vor allem anhand der Sommersonnenwende gesehen. Wer aber den Punkt des Sonnenaufgangs am 21. Juni am Horizont kennt, kann astronomisch betrachtet auch die sogenannten Mondwenden davon ableiten. Je nach Breitengrad und geographischer Situation sind die Grade (Azimutwerte) dabei unterschiedlich. Es ging einst auch nicht darum, ein exaktes Planetarium zu erstellen, sondern den Menschen der Frühgeschichte genügte es, einen einigermassen brauchbaren, jahreszeitlich-agrarischen und rituellen „Kalender“ zu haben, der in der Astronomie als Horizontkalender bekannt ist. So kann für unsere Breitengrade – und somit auch vom Münsterplatz aus – der Sonnenaufgang an Mittsommer etwa bei 53°/54° Nordost am Horizont beobachtet werden. Dies entspricht wie dargestellt ungefähr der Achse Münster-Theodorskirchplatz. Durch Beobachtungen weiss man nun, dass die sogenannten Grossen und Kleinen Mondwenden je nach Lage/Topographie etwa 7-9 Grad davon abweichen. In Basel können wir mit ca. 45° Nordost für die Grosse und mit ca. 61° Nordost für die Kleine Mondwende am Horizont rechnen. Dieses Ereignis geschieht allerdings nur alle 9,3 Jahre, was natürlich eine viel längere Periode darstellt als die Sonnenwenden.

Es ist nun ein interessanter Zufall, dass vom Münsterhügel aus die Sichtlinie der Grossen Mondwende mit 45° NO zum Mondaufgang am Horizont über die Kartausgasse führt – dort, wo in etwa das Basler Mondhorn entdeckt wurde. Sollte die Fundzone „Kartausgasse“ weiterhin gesichert sein, wäre dies für das astronomische Verständnis von Basel ein spannender topographischer Zusammenhang, dem man weiter nachgehen sollte.

Oben: Sonnenaufgang vom Basler Münster Richtung Theodorskirchplatz sowie Sichtlinie der Grossen Mondwende Richtung Kartausgasse (Fundort Mondhorn).

Unten: Skizze Sonnenaufgang am 21. Juni sowie Nördliche Grosse Mondwende.

Resümee

Basel besitzt eine vielschichtige Landschaftsmythologie. Diese besteht im Wesentlichen aus dem Münster-Felsenhügel (Element Erde), aus dem Rheinfluss (Element Wasser) und der Fundzone Theodorskirchplatz-Kartausgasse mit dem Mondhorn (Element Erde). Den topographischen und mythologischen Mittelpunkt bildet dabei der Münsterhügel, wo die Lebenskraft des Rheinflusses von Osten zufliesst und dann nach Norden gewendet wird. Diese Energie wird in einer nicht-abstrakten Sprache als Drache versinnbildlicht. Der Rhein fliesst von Osten (Bereich des neuen Lebens) zu einer Wendezone (Felsenhügel als Mittelpunkt) und weiter nach Norden (Jenseitsbereich). Damit bildet er einen mythologischen Lebenskreislauf. Diese landschaftliche Verwobenheit zeigt beim Münsterhügel auch einen astronomischen Bezug. Dieser besteht einerseits aus dem bekannten Sonnenaufgang am 21. Juni in Richtung Theodorskirchplatz. Weniger untersucht ist andererseits die Grosse Mondwende-Linie, die vom Münsterplatz über die Kartausgasse führt, wo ein reich verziertes Mondhorn zum Vorschein kam. In Basel harmoniert die Wendezeit der Erde – mit dem Felsenhügel als Wendebereich des Flusses – mit der Wendezeit des Himmels, indem die Sonnenwende zur Mittsommerzeit eindrücklich beobachtet werden kann. Aber auch die Mondwenden dürften eine Rolle gespielt haben. Diese neue Sichtweise erweitert die bisherige Anthropologie der Landschaft von Basel.


[1] Vgl. dazu z.B.: „Der Münsterhügel […] ist der historisch bedeutsamste Ort der Stadt Basel, ein eigentlicher archäologischer Hotspot. Es finden sich hier Spuren von der Bronzezeit bis ins Mittelalter…“ (https://www.gmbasel.ch/informationen/historisches/der-muensterhuegel-ein-archaeologischer-hotspot)

[2] So z.B. Stonehenge: „Stonehenge könnte unter anderem dazu gedient haben, die Sommer- und Wintersonnenwende und die Frühlings- und Herbst-Tagundnachtgleiche, und damit die für eine Ackerbau betreibende Kultur wichtigen jahreszeitlichen Wendepunkte vorauszusagen.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Stonehenge)

Dr. Kurt Derungs,
Kulturanthropologe
Breitengasse 32
CH-2540 Grenchen bei Solothurn
kurt.derungs@derungs.org
Grenchen, 17. April 2021
© Text: Kurt Derungs © Bilder: Internet

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Sounding Soil 1 – 3

In den Aufnahmen von Sounding Soil sind Bodentiere wie Springschwänze, Milben, Hundertfüsser, Käfer, Asseln, Fliegenlarven, Regenwürmer, Spinnen, Heuschrecken und Zikaden zu hören.

Böden und ihre Wahrnehmung

Der Boden zeigt sich uns meist nur als Oberfläche: Was darunter liegt, bleibt uns verborgen. Doch Böden sind komplexe Ökosysteme mit eng verwobenen Interaktionen. Natürliche Böden reagieren auf Störungen sensibel. Sei dies eine intensive land- oder forstwirtschaftliche Nutzung oder das Befahren mit schweren Maschinen. Der Verlust von gesunden Böden hat in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen. Nicht nur in den Tropen, wo ganze Landstriche durch Entwaldung und Erosion verschwinden, sondern auch vor unserer Haustüre. Die Böden, auf denen unsere Lebensmittel wachsen, verlieren durch den Einsatz von Mineraldüngern und chemischen Pflanzenschutzmitteln und durch die Bodenverdichtung ihre Fruchtbarkeit.
Diesem Prozess scheint ein grundlegendes Wahrnehmungsproblem zugrunde zu liegen: Die Funktionen und den Gesundheitszustand des Bodens können wir nicht sehen. Zudem nehmen wir den Boden zu unseren Füssen nicht bewusst war – er ist einfach da und wird oft als lebloses Material gesehen und auch so behandelt.
Eines der wichtigsten Ziele unseres Projekts Sounding Soil ist es, die Prozesse und das Leben im Boden sinnlich erfahrbar zu machen und damit das öffentliche Bewusstsein für gesunde Böden zu stärken.

Dem Boden zuhören

In jüngeren Forschungsgebieten wie der Ökoakustik, der akustischen Landschaftsökologie und der Akustischen Ökologie werden Tonaufnahmen verwendet, um Beziehungen in der Umwelt zu untersuchen. Praktisch jeder Organismus produziert Schallwellen, zum Beispiel durch seine Bewegungen oder durch Kommunikation. Wir können also hören, was ein Organismus tut. Diese Geräusche können benützt werden, um ökologische Beziehungen und Prozesse zu untersuchen. Wir können zwar nicht in den Boden hineinsehen, aber wir können hineinhören.

Was wir hören

In den Aufnahmen von Sounding Soil sind Bodentiere wie Springschwänze, Milben, Hundertfüsser, Käfer, Asseln, Fliegenlarven, Regenwürmer, Spinnen, Heuschrecken und Zikaden zu hören. Wir haben an allen Aufnahmeorten des Forschungsprojekts jeweils eine Bodenprobe entnommen und die Tierarten bestimmt und gezählt. Die meisten Bodentiere machen Geräusche, wenn sie sich durch den Boden bewegen oder fressen. Einige nutzen den Boden aber auch, um miteinander zu kommunizieren.

Welche Funktionen und Leistungen übernimmt der Boden?

Gesunde Böden sind unverzichtbar und erbringen für die Umwelt und Ernährungssicherheit wichtige Leistungen. Nur nachhaltig bewirtschaftete Böden können sich gegen die Herausforderungen des Klimawandels wappnen und gleichzeitig dabei helfen, Treibhausgase zu reduzieren.
Filtrierung, Speicherung und Regulation von Wasser und Nährstoffen:
Der Boden speichert Nährstoffe und Regenwasser, das er langsam an Gewässer und Pflanzen abgibt und so Überschwemmungen vorbeugt. Ein gesunder Boden filtriert und bindet Schadstoffe und schützt das Grundwasser vor Verunreinigungen. 40 % des Schweizer Trinkwassers wird übrigens aus Grundwasser gewonnen.

Speicherung von Kohlenstoff:

Böden sind in der Lage, enorme Mengen an CO2 zu speichern. Aber nicht jeder Boden speichert gleich viel Kohlenstoff. Nutzung, klimatische Bedingungen, Bodenart und dem damit verbundenen Bodenleben sowie der Humusgehalt wirken sich auf den CO2-Gehalt eines Bodens aus. Es gilt die Regel: je humusreicher ein Boden ist, desto mehr CO2 speichert er. Die Gesundheit der Böden ist demnach ein wichtiger Faktor, um den Klimawandel zu begrenzen.

Lebensraum für Tiere und Pflanzen:

In einer Hand voll Boden leben mehr Organismen als Menschen auf der gesamten Erde. Zusammen helfen sie durch Zerkleinern, Zersetzen und Verdauen von Streu, nährstoffreichen Humus zu bilden. Regenwürmer sind beispielswiese für eine gesunde Bodenstruktur unersetzbar, denn sie sorgen durch ihre Grabaktivitäten und Ausscheidungen für eine lockere Bodenstruktur. Ohne diese Bodenlebewesen wäre die Produktion von Nahrungsmittel auf Böden nicht möglich.

Nahrungsmittelproduktion:

90 % unserer Nahrungsmittel werden entweder direkt oder indirekt für die Nutztierfütterung auf Böden erzeugt.Insgesamt wird ein Drittel aller Böden dieser Welt für die Nahrungsmittelproduktion bewirtschaftet. Gerade in stark bevölkerten Ländern wie der Schweiz, ist er eine knappe und wertvolle Ressource.

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Gemeinschaftsgarten Landhof

Nashornkäfer-Larve (Bildrecht Gina Honauer)

Der Gemeinschaftsgarten Landhof feiert im Sommer 2021 bereits sein 10-jähriges Bestehen. Seit Beginn bildet die Kompostieranlage das Zentrum des Gartens. Sie symbolisiert quasi die Verdauung des Gartenorganismus’. Darin werden Rüst-Reste aus Haushalten eines ganzen Viertels umgewandelt und später in Form von fertigem Reifekompost wieder in Balkonkisten und ähnliches verteilt. Bei der Verwandlung sind viele geheimnisvolle Bodenlebewesen beteiligt.

Zwei der auffälligsten unserer Kompost-Bewohner sind der Kompostwurm und der Nashornkäfer. Kompostwürmer sind kleiner und dünner als Regenwürmer. Etwa ab der 8. Woche fühlen sie sich in unserem Kompost wurm-wohl. Wenn sich in den gelagerten Mieten kein Kompostwurm mehr aufhält, ist dies ein Zeichen, dass der Prozess abgeschlossen ist. Die Erde kann dann zum Anpflanzen genutzt werden. Der Nashornkäfer lebt in Form einer Larve im Kompost. Er sieht aus wie ein verhasster «Engerling». Er ernährt sich jedoch ausschliesslich von Holz und stellt keine Gefahr für Pflanzenwurzeln dar! In Kooperation mit dem Gemeinschaftsgarten Landhof

Der GGL ist ehrenamtlich und selbstorganisiert. Spenden sind wichtig zur Weiterführung des Projekts. Danke!

http://urbanagriculturebasel.ch/project/gglandhof/

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